Das Further Festival gibt Frauen* eine Bühne – vom 25. bis 26. Oktober in Hamburg

Das Further Festival gibt Frauen* eine Bühne – vom 25. bis 26. Oktober in Hamburg

Genervt von den überwiegend männlichen Festival Line-ups? Auf dem Further Festival in Hamburg stehen nur Frauen* auf den Bühnen – und zeigen wie divers und abwechslungsreich ein Festival ohne Männer sein kann.

Im Oktober ist es wieder soweit: Zum zweiten Mal veranstalten Label und Bookingagentur Buback und der Club Uebel & Gefährlich das Further Festival auf dem ausschließlich Frauen* (das Sternchen schließt alle Menschen ein, die sich als Frau identifizieren) auf der Bühne stehen.

Am 25. und 26. Oktober gibt es Konzerte, Lesungen und Live Podcasts. Musik gibt es dieses Jahr von unter anderem Keke, MS Nina, Pale Honey und Novaa. Gesprochenes Wort hört ihr zum Beispiel von Ninia La Grande oder Janina Rook, die ihren Podcast Unverschämt live aufnehmen wird.

Vanessa Cutraro, Bookerin bei Buback, ist seit neun Jahren im Musikgeschäft und eine der Veranstalter*innen des Further Festivals. Ich habe mit ihr über die Idee hinter dem Festival gesprochen, über Frauen im Musikgeschäft und über die Highlights der diesjährigen Auflage.

Was ist das Further Festival und seit wann gibt es das?

Das Further Festival gibt es erst seit letztem Jahr, dieses Jahr gibt es die 2. Auflage. Es ist ein Festival auf dem nur Frauen* und Non-Binarys auftreten. Wir möchten diesen Künstler*innen sei es Sänger*innen, MC*s, Poetry-Slammer*innen, Autor*innen oder Podcaster*innen eine Plattform geben.

Gab es einen konkreten Auslöser dafür dieses Festival ins Leben zu rufen?

Den gab es nicht. Aber ich bin selber Bookerin bei der Agentur und dem Label Buback. Wir verstehen uns als politisches Label und Booking Agentur, wir stehen für etwas. Wir sehen ja die Festivallandschaft und ärgern uns einfach. In unserer Agentur sind wir zum Beispiel mehr Frauen als Männer, und wenn wir die Line-ups sehen in denen nur Männer spielen, fragen wir uns einfach, warum da so wenig Frauen spielen. Und dann haben wir irgendwann gedacht: Warum nehmen wir das nicht selber in die Hand?

Wer außer dir ist für das Festival zuständig?

Das ist einerseits die Labelchefin von Buback Friederike Meyer und andererseits Malte von der Lancken. Er ist der Booker vom Uebel & Gefährlich und ein sehr feministischer Mann. Stefanie Hochmuth und Svenja Krause sind für die Produktion zuständig. Wir sind kein riesiges Team, aber wir nutzen die Strukturen die vorhanden sind und unterstützen uns gegenseitig.

Wie lange bist du schon im Musikgeschäft?

Ich glaub seit neun Jahren und seit vier Jahren mache ich das hauptberuflich. Vorher habe ich noch andere Sachen gemacht, DIY Festivals organisiert, einen CSD mitgegründet und immer mal wieder kleinere Sachen mitorganisiert, wie zum Beispiel im Berliner Club SchwuZ Floors kuratiert.

Hat sich in der Zeit etwas verändert, was den Umgang mit Frauen* angeht?

Ja, doch, es hat sich schon einiges geändert. Es wird viel mehr darüber gesprochen, dass Frauen nicht oder weniger auf Festivals stattfinden. Unter anderem durch Menschen wie [Musikjournalist] Linus Volkmann, der das immer wieder thematisiert oder die KeyChange Initiative [ein Zusammenschluss von Festivals, die eine 50/50 Quote bis 2022 im Line-up erreichen wollen] oder auch durch den globalen Feminismus auf den Beyoncé aufmerksam macht. Auch wenn das oft böse als Kommerzfeminismus bezeichnet wird, der auf H&M T-Shirts steht. Es ist trotzdem wichtig, dass so etwas stattfindet, weil das auch Visibilität für uns bringt.

Sind das neue Veränderungen oder findest du, dass sich das schon verfestigt hat?

Nein, wir sind quasi am Anfang. Aber ich glaube, dass sich in den nächsten Jahren noch einiges verändern wird. Es wird irgendwann nicht mehr diskutiert, warum man eine Quote setzen muss, sondern es wird einfach gemacht. Das Hauptargument der meisten Festivalbooker_innen ist ja, es gibt keine Frauen und dass Frauen nicht auf großen Bühnen spielen können, weil die nicht so viel Publikum anziehen. Aber wenn du denen nie die Möglichkeit gibst auf kleineren oder auch auf größeren Bühnen zu spielen, dann wird niemand diese Frauen hören und sie werden dadurch nicht wachsen. Deswegen benötigen sie eine Plattform.

Die Rapperin Sookee und die Journalistin Salwa Houmsi sprechen das immer wieder an. Es gibt so viele starke und talentierte Frauen in den Medien und der Musik, die das immer wieder thematisieren, wie z.B die Hoe_mies, Nura, Kat Frankie, Cashmiri … Es ist halt wichtig, dass das nicht verstummt. Damit wir in fünf Jahren nicht mehr Interviews darüber führen müssen, wieso es so wenig Frauen auf den Bühne gibt.

Du klingst sehr optimistisch.

Ja, auf jeden Fall. Man sieht ja auch in der Festivallandschaft, dass immer mehr Frauen gebucht werden. Klar, das sind dann immer noch nur 15% und 85% sind Männer. Aber wenn du dir die Line-ups von vor fünf Jahren ansiehst, dann gab es da vielleicht nur eine Frau, wenn überhaupt. Deswegen denk ich: Ja, es ist zäh, aber es passiert etwas.

Vanessa Cutraro Further Festival
Auch ne coole Frau: Vanessa Cutraro © Simone Scardovelli

Wie findet ihr denn die guten weiblichen Acts? Was sind eure Tipps für all die Booker die keine Ahnung haben?

Alle Festivalbooker_innen kennen Booking Agenturen und man muss mittlerweile nur noch auf den jeweiligen Agenturseiten gehen siehe z.B Buback, Powerline, Four Artist, Landstreicher, Bomber der Herzen, Audiolith, Zart Agency, Melt! und viele mehr. Es ist ja nicht so, dass es an weiblichen Acts fehlt.

Also glaubst du, es ist eine Ausrede, wenn Booker behaupten, es gäbe einfach keine Frauen?

Naja, ein bisschen schon. Aber natürlich gibt es auch andere Gründe. Manche Künstler*innen wie Beyoncé oder Nicki Minaj kosten einfach zu viel. Gleichzeitig gibt es den Gebietsschutz [eine Klausel in den Bookingverträgen, die Exklusivität von Acts garantieren soll] wodurch Künstler nicht verfügbar sind. Oder auch ob ein neues Album veröffentlich wurde oder nicht. Ich denke, es ist eine Mischung aus mehreren Sachen. Natürlich ist das auch strukturell bedingt, dass es immer noch mehr männlicher Bands gibt.

Hast du das Gefühl, dass das vor allem ein deutsches Problem ist? Mir fallen international viel mehr coole Frauen ein als deutsche.

In Deutschland ist denen einfach nicht so die Bühne gegeben worden. Aber das kommt jetzt immer mehr. In den skandinavischen Ländern ist das Gang und Gebe, eine Björk, Robyn oder MØ sind halt super groß, aber ihnen wurde auch schon vor vielen Jahren eine Bühne geboten. Aber es gibt hier auch ganz viele tolle Künstler*innen, die unterstützenswert sind: Alli Neumann, Mia Morgan, Mine, Balbina, Kat Frankie, Sookee, Chefboss, Nura, Charlotte Brandi, Grosstadtgeflüster, Prada Meinhoff, Gurr, Blond, Haszcara, Ebow… Also wenn ich die alle aufzähle, dauert das Interview zwei Stunden.

Besonders auffällig finde ich es bei Instrumenten. Eine komplett weiblich besetzte Band zu finden, ist immer noch schwierig. Hast du eine Idee warum das so ist oder ist das auch nur eine Frage der Sichtbarkeit?

Es gibt einige Frauen, die Instrumente spielen. Sookees Crew ist zum Beispiel komplett weiblich besetzt, außer der Schlagzeuger Majus. Bei Fatoni spielt zum Beispiel die großartige Schlagzeugerin Philo. Aber es sind immer noch nicht genügend. Vermutlich weil den meisten Mädchen in der Kindheit eher eine Flöte nahegelegt wurde und den Jungs eher mal erlaubt wurde, schon Krach zu machen. Das fängt ja schon früh an in unserer Gesellschaft nach dem Geschlecht zu unterscheiden.

Gab es für euer Line-up noch mehr Kriterien als das Geschlecht?

Nein, eigentlich nicht. Beziehungsweise: natürlich gute Musik. Wir hätten eigentlich gern noch viel mehr gebucht. Aber das ist auch eine Frage des Budgets. Uns gibt es ja erst seit zwei Jahren, deswegen müssen wir auch gucken, wen man sich leisten kann. Das ist die größere Einschränkung, als die Frage, ob man genug Frauen findet, die man buchen kann.

Wie ist eure Zukunftsvision fürs Further Festival?

Alle Jahre wieder und tendenziell immer größer werden.

Könntet ihr euch vorstellen, das außerhalb Hamburgs zu machen oder soll es ein urbanes Festival bleiben?

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Wir wollen das erstmal in Hamburg etablieren. Vielleicht können wir noch mehr kleinere Further Festival Partys in anderen Städten organisieren oder kuratieren. Das haben wir schon in Berlin gemacht, im Schwuz zum Beispiel.

Gibt es etwas, worauf du dich in diesem Jahr besonders freust?

Ich liebe Reggeaton, deswegen freu ich mich auf MS Nina aus Spanien. Ich hoffe, dass das gut ankommen wird in Deutschland. Auf Pale Honey freu ich mich, Keke aus Wien kommt. Ich freu mich auf den Live Podcast „Unverschämt“ von Janina Rook und auf die Slammerin Ninia La Grande.

Eigentlich freu ich mich auf alles. Auch auf das Netzwerken. Das ist so schön, wenn all diese coole Frauen im Backstage zusammen sitzen und sich austauschen und dann vielleicht neue coole Sachen entstehen. Ich glaube Ebow, die letztes Jahr dabei war, und One Mother haben etwas zusammen gemacht. Ich hoffe, dass da viele coole Koops entstehen und dass das Further Festival irgendwann so ein Anlaufpunkt ist, wo viele Frauen sich treffen und sich vernetzen können. Eben ein Empowerment Festival.

Und wer wissen will, wie das Further Festival klingt, kann hier schon mal reinhören:

Mehr Infos zum Festival findet ihr auf der Website, der Facebook Seite oder auf Instagram.

Wie ein all female Line-up noch klingen könnte, könnt ihr in meiner Traum-Festival-Playlist hören.

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