4. Playlist: Maniacs

Der Mai ist der Monat der geistigen Gesundheit. In der Playlist hört ihr Musik von Frauen, die sich mit mentaler Gesundheit auseinandergesetzt haben. Neben bekannten Größen wie Lorde, Fiona Apple und Billie Eilish sind auch Geheimtipps à la Linda Perhacs oder Mirel Wagner dabei.

Das Thema mentale Gesundheit ist mir in den vergangenen Wochen immer wieder über den Weg gelaufen. Neue Bekanntschaften, die ich erst faszinierend und dann etwas zu speziell fand. Vertraute Menschen, die an ihrer eigenen geistigen Gesundheit gezweifelt haben. Und damit immer verbunden die Frage: Wann ist nicht mehr ganz „normal“ schon „gestört“? Und ist das überhaupt wichtig?

Sobald der eigene Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist und ein Mensch mit seiner eigenen Verfassung unglücklich ist, ist Hilfe natürlich angebracht. (Unter 0800/111 0 111 erreicht ihr die Telefonseelsorge und die Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer haben eine Übersicht über alle Psychotherpeut/innen, zum Beispiel für Berlin). Aber Verhalten, Gefühle und Denkweisen, die von der Norm abweichen, sind nicht gleich krankhaft. Sondern oft eine Ergänzung und Bereicherung für den Einheitsbrei, dem man im Alltag schnell ausgeliefert ist. Ein schlechtes Gewissen, weil man schwierige, komplizierte, komplexe oder anstrengende Gefühle und Gedanken hat, macht es meistens nur schlimmer.

Embrace your weirdness

Daher ist die folgende Playlist eine Umarmung für eure psychischen Besonderheiten. Wir sind alle immer wieder am Rande des Wahnsinns. Meistens wird der Wahnsinn erträglicher, wenn wir ihn nicht verteufeln, sondern akzeptieren: Wir machen alle immer wieder harte Zeiten durch. Und manchmal verhalten wir uns deswegen seltsam und irrational. Das ist ok. Und kann sogar eine Quelle für große Kunst sein, wie die Künstlerinnen auf dieser Playlist zeigen.

1. Aldous Harding – The Barrel

Die musikalische Inspiration für diese Playlist kommt von meinem allerliebsten Weirdo: Aldous Harding. Ihr neues Album Designer, das am 26. April erschienen ist, klingt weniger irre als ihr Vorgänger Party (2017). Aber die Präsentation der eingängigen Melodien zeugt immer noch von Hardings Hang zur Absurdität. Im Video zu The Barrel tanzt sie mit einem überdimensionalen weißen Hut in einem mit weißen Stoff behangenen Raum. In der zweiten Hälfte trägt sie eine sehr hässliche blaue Maske. Dabei singt sie undurchsichtige Zeilen. Im Refrain verbirgt sich meine Lieblingsstelle: „It’s already dead / I know you have the dove / I’m not getting wet“. Ein schönes Konter zur Übersexualisierung in der Popmusik.

2. Phoebe Bridgers – Motion Sickness

Phoebe Bridgers Motion Sickness reiht sich ein in die Kategorie: mit fröhlicher Musik über ernste Themen singen. Das Lied behandelt eine dysfunktionale Beziehung und Bridgers (vermeintliche Depressionen): „I hate you for what you did / And I miss you like a little kid / I faked it every time but that’s alright / I can hardly feel anything / I hardly feel anything at all“ Auch wenn undankbare Beziehungen und Stimmungstiefs kein Anlass zur Freude sind, hilft es diese negativen Gefühle rauszulassen. Deswegen jetzt alle: „I have emotional motion sickness“!

3. Kimbra – Top of the World

Kimbras Inspiration für den Song Top of the World waren größenwahnsinnige Männer. Als Grundlage für ihre Worte und Klänge diente die Frage: Wie fühlt sich ein manischer Mann?, wie sie im Podcast Songexploder erklärt. Was sie nicht gesagt hat, ob Donald Trump und Kanye West als Vorlage gedient haben.

4. Lorde – Liability

Die Neuseeländerin Lorde tanzt im Song Liability mit sich selbst und gesteht, dass sie für viele Menschen eine Bürde ist. Am Ende wird sie aber der Sonne entgegen laufen und all die Menschen, die mit ihr nicht klar kamen, hinter sich lassen. Die vielfach ausgezeichnete Sängerin, beweist mit ihrer Karriere, dass solche wahnähnlichen Ideen oder gespaltene Persönlichkeiten kein Hindernis für Erfolg sein müssen.

5. Fiona Apple – Every Single Night

Mit zittriger Stimme singt Fiona Apple: „Every single night’s a fight with my brain / I just want to feel everything“. Sie beschreibt ein Gefühl von Zerrissenheit, das Menschen mit affektiven Störungen gut kennen: Der Drang nach intensiven Erlebnissen – die aber gleichzeitig überfordern. Apple scheint diesen Kampf schließlich akzeptieren zu können: „And every single fight’s alright with my brain„.

6. AURORA – Murder Song

Die schwedische Sängerin Aurora hat vermutlich eine besonders starke Vorstellunskraft. Zumindest hoffe ich, dass sie ihre lebhafte Fantasie benutzt hat um dieses Lied zu schreiben und nicht auf selbst erlebte Begebenheiten zurückgreift. Sie beschreibt eine Situation, in der sie von jemanden aus Mitleid umgebracht wird. Wie sie eine solche Szene so eindringlich wieder geben kann, grenzt vielleicht ein ganz kleines bisschen an Wahnsinn. Wie das mit dem Genie eben so ist.

7. Billie Eilish – Bury a Friend

Bei einer Playlist zum Thema mentale Gesundheit kann Billie Eilish natürlich nicht fehlen. In Bury a Friend singt sie „I wanna end me“. Ein Gefühl, das ich niemanden wünsche und das nicht erstrebenswert ist. Aber depressive Menschen kennen dieses Gefühl. Sind Lieder, die diese Gedanken so explizit ausdrücken, ein Risiko für suizidale Menschen? Ich bezweifle, dass sich Depressionen dank positiver, lebensbejahender Songtexte in Luft auflösen. Das Gefühl verstanden zu werden und mit den Depressionen nicht allein zu sein, tröstet. Wer mehr Verständnis und Unterstützung braucht, als ein Lied geben kann, kann sich hier Hilfe suchen: Unter 0800/111 0 111 erreicht ihr die Telefonseelsorge.

8. Mirel Wagner – Oak Tree

Mirel Wagner erzählt in Oak Tree, wie das lyrische Ich unter einem Eichenbaum zurück gelassen wurde und nachts Stimmen hört. Eine eher unheimliche Vorstellung, die auch eher nach Wahnvorstellung klingt. Aber im Endeffekt scheint die Situation sie zufrieden zu stellen: Das lyrische Ich träumt süß unter der Eiche. Was lernen wir daraus: Unter Bäumen liegt der seelische Frieden.

9. Linda Perhacs – Chimacum Rain

Auch Linda Perhacs macht interessante Erfahrungen mit Bäumen: „I’m spacing out, I’m seeing silence between leaves“. Chimacum Rain erschien 1970 auf Perhacs Debutalbum Parallelograms und wird dem Psychedlic Folk zugeordnet. Die halluzinativen Erlebnisse, die sie im Lied beschreibt, könnten also unter Umständen durch den Einfluss psychedelischer Drogen entstanden sein. Oder einfach in absoluter Hingabe zur Natur.

10. Sharon Van Etten – Everytime the sun comes up

Sharon Van Etten mag den Tag nicht. Sobald die Sonne aufgeht, bekommt sie Schwierigkeiten. Sie betet es sich im Refrain mehrfach selbst vor. Um welche Schwierigkeiten es sich handelt, wissen wir nicht. Aber sie wäscht Geschirr und scheißt im Badezimmer. In Interviews macht die Songwriterin klar, dass der Text eigentlich nur als Witz geschrieben wurde. Ich finde, es ist eine schöne selbstironische Art mit Problemen und Alltagsscheiße umzugehen.

11. Me and My Drummer – You’re a Runner

Dieses Lied klingt, als würde die Sängerin und Songwriterin Charlotte Brandi eine gute Freundin wachrütteln wollen. Sie fragt am Anfang, warum das lyrische Du sich das Leben nehmen will und macht deutlich, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein ist („There are more hearts pumping like your own“). Sie scheint dieser Person am Ende zur Aufmunterung all ihre Liebe und Zuneigung entgegen zu rufen: „Beautiful soul / beautiful soul“.

12. Dear Reader – Back from the Dead

Abgeschlossen wird die Playlist von der Depressions-Überwindungs-Hymne Back From the Dead von Dear Reader. „I’m coming back from the dead / You can’t hold me down here!“ singt die Südafrikanerin Cherilyn MacNeil begleitet von Farfaren und Trommelwirbel. So kann’s nämlich auch gehen! Und das wünsche ich auch allen: Zurück zu kommen aus der Dunkelheit – mit Pauken und Trompeten.

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