Billie Eilish: Was soll der Hype?

Billie Eilish: Was soll der Hype?

Zukunft der Pop-Musik oder Gefahr für die Teenies da draußen – über das Phänomen Billie Eilish wird heiß diskutiert. Und ich hab mich gefragt: Wie krass ist Billie Eilish eigentlich? Was ist neu und besonders an der 17jährigen, deren Musikvideos an der Grenze zu Horrorvideos schrammen und die in Interviews völlig unprätentiös rüber kommt?

„Pop-Superstar neuer Bauart“, sagt der Musikexpress, „Not Your Typical 17-Year-Old Pop Star“, sagt The New York Times. Und ich sag: „War doch absehbar“. Natürlich sind vor allem die Musikvideos düsterer als alle anderen Pop-Musikvideos. Entweder wird ihr nackter Rücken mit Spritzen maltretiert oder aus ihren Augen läuft schwarze Flüssigkeit. So richtig wohlig wird mir da nicht ums Herz. Aber die Gruselästhetik ist nicht neu. Die ganze traurige Lebensmüdigkeit ist im Pop nicht neu. Und das Wunderkind Phänomen ist auch nicht neu.

Generell sind toughe, abgebrühte Teenager irgendwie überall. Mich erstaunt Eilishs lässige, ungekünstelte Attitüde gar nicht so sehr. Die absolute Gleichgültigkeit gegenüber des ganzen Medienzirkus‘ hat die Schauspielerin Kirsten Stewart eingeführt. Als sie 2008 mit der Filmreihe Twilight berühmt wurde, war sie von dem Trubel sogar so unbeeindruckt, dass ihr vorgeworfen wurde, sie sei gefühlskalt und unlebendig.

Im Hollywood-Universum gibt es tausende Kinderstars, die souverän und natürlich vor Kameras treten. Ein weiteres Beispiel sind die Teenager Schauspieler der Serie Stranger Things, wie Millie Bobby Brown, die mit 13 Jahren selbstbewusst in Talkshows rappt. Billie Eilish ist selbst in Los Angeles aufgewachsen, ihre Eltern sind beide im Musik- und Filmbusiness unterwegs. Da sind die Berührungsängste mit Medien natürlich geringer. Und ein entspannter Auftritt bei Interviews nicht überraschend.

Must-Have im Pop 2019: Depressive Verstimmungen

Dass Mainstream Pop nicht immer lebensbejahend daher kommen muss, hat Lana Del Rey schon 2011 bewiesen. Mit Born to Die hat sie stilvolle Trübseligkeit zum Trend gemacht. Es folgte ein Jahr später Lorde mit Royals. Die Neuseeländerin ist sogar noch eher als Vorläuferin von Billie Eilish zu sehen als Lana Del Rey, weil auch sie sich sehr wenig darum bemühte üblichen Schönheitsidealen zu entsprechen. Und auch Lorde wurde zum Pop Wunderkind ernannt. David Bowie nannte sie die Zukunft des Pops und in Interviews wurde sie ständig auf ihr Teenager-Alter angesprochen. Der Hang zur Düsternis wurde sogar von Country-Pop-Prinzessin Taylor Swift übernommen, die mit dem Album Reputation auch mal ganz gefährlich daher kommen wollte.

Ein weiteres Merkmal, das Billie Eilish ausmacht, aber auch nicht neu ist, ist die gruselige Gothic-Ästhetik. Vor zehn Jahren hat Lady Gaga dafür die Tür geöffnet: mit absurden Kostümen und Highheels, die sonst eher im Domina-Milieu getragen werden. Heute wird diese skurrile Mischung aus schrillen Farben, absurden Silhouetten und unnatürlichen Materialien von so gut wie jedem Popstar benutzt. Dem Öko-Vegan-Retro-Hipster-Trend setzen Stars wie Miley Cyrus und Cardi B Plastik und Latex entgegen. Wenn das Mainstream ist, ist es auch nicht verwunderlich, dass sich ein Teenie wie Eilish mit blauen Haaren Spike-Halsbänder umhängt und auf den romantischen Instagram-Filter-Look scheißt.

Die Kids mit den Gesichtstattoos haben angefangen.

Das Überraschenste am Phänomen Billie Eilish könnte vielleicht die reduzierte, fast karge Musik sein. Klar, im Vergleich zu Popstars wie damals Britney Spears und später Miley Cyrus oder Ariana Grande, die mit guter Laune berühmt geworden sind, ist das was ganz anderes. Aber depressive Teenager-Musik ist trotzdem nichts Neues. Angefangen haben damit Kids mit Gesichtstattoos.

In den USA geben seit circa 2016 Cloud-Rapper wie Lil Peep und Lil Pump den Ton an. Eines der charakteristischen Elemente des Trends „Traps“ ist – neben minimalistischen Beats und dem sogenannten mumble rap – Hoffnungslosigkeit. Diese wird mit verschreibungspflichtigen Medikamenten betäubt. Das Beruhigungsmittel Xanax ist dabei eines der beliebtesten. Dem Mittel werden Liebeslieder geschrieben und Künstlernamen gewidmet. Lil Xan bringt das Phänomen mit Betrayed auf den Punkt.

Schaf im Wolfspelz

Das Schockierende daran: das sehr junge Lebensalter der Rapper und die Verbreitung des Xanax-Konsums unter genauso jungen Fans. Vor diesem Hintergrund erscheint Billie Eilish nahezu brav. Immerhin prankt in ihrem Gesicht kein Tattoo und sie spricht sich in ihrem Song Xanny gegen die Droge aus. Für Kids, die sonst hängen gebliebene Rapper feiern, ist sie eine gesunde Alternative – entspricht aber optisch und akkustisch den Trap Erwartungen. Und kann deswegen von den Trap Teenies genauso anerkannt werden. Quasi wie ein getarntes Schaf im Wolfspelz.

Das Krasseste an Billie Eilish ist also, dass sie die Teenagerin schlechthin ist. Genauso abgebrüht und desillusioniert wie sie, ist ihre Generation. Sie ist keine Überraschung, sondern ein Kind ihrer Zeit. Ein sehr talentiertes Kind, das uns Einblicke in die Lebenswelt ihrer Altersgenossen gibt. Und bei aller Deprimiertheit sehr hörenswerte Musik macht. Davon überzeugen könnt ihr euch hier:

 

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