She’s real: Cat Power live in Brüssel

She’s real: Cat Power live in Brüssel

Die Königin des Alternative Countrys ist zurück. Sechs Jahre lang musste auf ein neues Album gewartet werden. Jetzt betourt Cat Power „Wanderer“ in Europa und besinnt sich damit auf das, was sie schon immer am besten konnte: mit wenig Schnickschnack viel berühren.

Im dunklen Hintergrund der Bühne erscheint die Silhoutte einer brünetten Frau. Die Band sitzt schon an ihren Instrumenten und das Publikum kann Chan Marshall aka Cat Power nicht mehr erwarten. Doch sie steht schüchtern neben dem Verstärker, traut sich einen Schritt vor in Richtung Scheinwerferlicht, geht noch einmal zurück. In ihrer Hand lässt sich ein glimmender, rauchender Stab erkennen. Sie stellt eine Teetasse auf den Verstärker und tritt in die Bühnenmitte, direkt an ihre zwei Mikrofone. Ohne Begrüßungsworte zu verlieren singt sie He Turns Down. Eines der typischen Cat Power Lieder: zurückhaltendes Gitarrenzupfen trifft auf viel Verletzlichkeit.

In ihrer Hand qualmt der Glimmstab vor sich hin. Er wechselt mal in die rechte Hand und wieder zurück. Als er nach drei Liedern fast verraucht ist, schnipst Marshall ihn in eine Bühnenecke. Die Lässigkeit wird vom Publikum mit lächelndem Kopfnicken honoriert. Dass es eine gewisse Badass Attitüde braucht, um eine Zigarette auf die Bühne zu schnippen, ist klar. Aber wieso hat sie kein einziges Mal daran gezogen?

Geliebt, aber voller Zweifel

Musikalisch eröffnet Marshall den Abend mit einer Mischung aus alten Liedern und Covern, es ist Into My Arms von Nick Cave dabei und Dark End of the Street von James Carr. Horizon ist das erste Lied das sie vom neuen Album spielt. Es ist eines der Lieder, bei dem ihr Zwei-Mikro-System besonders wichtig ist. Eines der Mikros verzerrt die Stimme. Marshall beeinflusst die Stärke des Effekts durch den Abstand, den sie zu den zwei Mikros während des Singens variiert. Doch es scheint nicht so zu klingen, wie sie es sich wünscht. Sie macht Handzeichen zum Tontechniker, die immer energischer werden. Nach dem Song läuft sie zum Bühnenrand, wo der Tontechniker platziert ist. Sie kehrt zurück, ohne weitere Kommentare.

Ihre Interaktion mit der Tontechnik ist in der ersten Hälfte des Konzertes wesentlich ausgeprägter als die mit ihrem Publikum. Sie stellt ihre Mikros immer wieder neu ein, kann sich nicht entscheiden, von welcher Seite sie hinein singen will, läuft während der Songs in den unbeleuchteten Teil der Bühne und wartet am Ende keinen Applaus ab, sondern blättert in ihren Noten, die neben den Mikrofonen stehen. Sie scheint sich ganz und gar nicht wohl zu fühlen auf der Bühne und hat doch gar keinen Grund dazu. Das Publikum liebt sie und klatscht wild. Manche zücken begeistert ihre Smartphones. Am Anfang löst das noch ein schüchternes Lächeln bei Marshall aus. Am Ende wird sie fragen, wie es sich anfühlt, Cyborgs zu sein.

Genie aus Fleisch und Blut

Doch das Ende ist noch gar nicht in Sicht. Trotz unübersehbarer Unsicherheit nimmt sich Marshall viel Zeit für das Konzert und für die einzelnen Lieder. Als sie dann mit Woman ein schnelleres Lied spielt, nimmt sie sogar eines der Mikrofone und läuft damit an den Rand der Bühne. Jetzt ist der Moment gekommen, in denen alle Anwesenden ihr Bestes geben, um Chan Marshall zu zeigen, dass all ihr Perfektionismus und ihre Bedenken unbegründet sind. „We love you“ ruft eine Frau neben mir. Doch all das nützt nichts. Die eigentlich großartige Performance wird von Marshalls Fahrigkeit und Nervosität ausgebremst.

Um trotzdem das Konzert zu genießen, hätte ich einfach die Augen schließen sollen. Marshalls tieftraurige Stimme berührt. Die Setlist und Dramaturgie des Abends sind abwechslungsreich und dennoch in sich stimmig. Ohne Marshalls ständiges Zaudern wäre dies die beste Performance des Jahres. Doch einfach die Augen zu zu machen und auditiv zu genießen, bringe ich nicht über mich. Da vorne steht Chan Marshall, in Fleisch und Blut. Das Genie ist echt. Davon muss ich mich mit meinen eigenen Augen überzeugen. All die mir die Welt bedeutenden Lieder sind von einem sterblichen Menschen geschaffen worden und nicht von einem übernatürlichen Wesen.

Spiritualität statt Nikotin

Sie spielt Nude as the News und Cross Bone Styles, Lieder aus einer anderen Zeit. Sie spielt auch Good Woman und Manhattan, eine Rückschau auf ihr musikalisches Werk, das an diesem Abend als Gesamtkunstwerk betrachtet werden kann. Lieder des neuen Albums wie Me Voy ergänzen ihr meisterliches Portfolio glänzend. Ihr finales Lied ist The Moon, begleitet von ihrem Gitarristen. Sie zeigt sich am Ende verletzlich und dankbar: „Ich hoffe, dass ihr auf eurem Weg genau so viel Akzeptanz erfahrt, wie ihr mir gebt“. Also spürt sie die Liebe doch.

Beim Verlassen der Konzerthalle erfahre ich, warum Cat Power kein einziges Mal an ihrer Zigarette gezogen hat. Ein Konzertbesucher verrät, dass es ein Myrrhe-Stab war (was ich hätte riechen können, wenn ich eine gut funktionierende Nase hätte). Die Singer/Songwriter-Ikone ist eben doch kein lässiger Rockstar. Sondern ein Mensch mit einem Hang zum Spirituellen, mit Selbstzweifeln und mit Ängsten. Und einer außergewöhnlichen Gabe zu berühren.

Foto: Cédric Oberlin

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