Lucy Rose: Die gute Fee des Indie Folks

Lucy Rose: Die gute Fee des Indie Folks

Lucy Rose ist dem Hamsterrad entflohen, das wir Popbusiness nennen und hat dabei ihr eigenes und das Leben anderer verändert.

Nachdem sie ihr zweites Studioalbum betourt hatte, brach Lucy Rose aus dem ewigen Kreislauf Songs schreiben – Album aufnehmen – Album betouren – Wiederholen aus. Sie reiste stattdessen durch Südamerika und bot ihren dortigen Fans einen Deal an. Sie twitterte: Ihr organisiert mir eine Show und einen Schlafplatz und ich spiele für euch, egal wo ihr seid.

Gesagt, getan. Die Reise dokumentierte sie und machte daraus einen kleinen, sehr berührenden Film. Die Begegnungen mit den Fans, die keine verrückten Fanatiker waren, sondern großzügige und gastfreundliche Menschen inspirierten Lucy Rose zu neuen Songs.

Lucy Rose erfuhr, dass ihre Musik, unabhängig aller Verkaufszahlen, Bedeutung hatte. Mit dem neu gefundenen musikalischen Selbstbewusstsein nahm sie ihr drittes Album Something’s Changing auf, mit dem sie anschließend auf Tour ging. Vor ihrem Konzert in Berlin traf ich sie zum Interview. Sie erzählte mir, wie ihre Südamerika Reise nicht nur sie, sondern auch ihre Fans veränderte, welchen Rat sie von Feist bekommen hat und ob sie insgeheim nicht doch einfach eine gute Fee ist.

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Ich möchte Dich direkt zu Deiner Südamerika-Reise befragen: Wie bist Du auf diese Idee gekommen? Ich hab mir die Doku dazu angeguckt…

Hast Du?

Ja, hab ich. Und ich musste weinen, weil es so berührend war. Ich fand die Idee dahinter so schön. Also wie ist es dazu gekommen?

Als wir die Tour zum zweiten Album beendet hatten, fühlte ich ein großes Tief am Ende. Wir waren gerade auf Tour und danach fängt man quasi wieder von vorne an. Und dafür war ich ehrlich gesagt nicht bereit.

Für das Touren oder für das Schreiben?

Ich denke für das Schreiben. Nach dem ersten Album war alles sehr neu und aufregend, aber nach dem zweiten Album gab es sehr viel Druck. Das nahm mir fast die ganze Freude am Ganzen. Ich liebe es Musik zu machen und live zu spielen. Aber ich dachte, egal, was ich mache, es wird für mein Label immer enttäuschend sein. Ich werde nie Mainstream Musik machen und viele Platten verkaufen. Eigentlich bin ich damit zufrieden, aber ich dachte auf einmal: Vielleicht sollte ich es einfach lassen und akzeptieren, dass ich nicht gut genug bin. An dem Punkt entschieden Will (Lucy Rose‘ Tourmanager und Ehmann) und ich, dass wir verreisen sollten.

Ihr wolltet also einfach Urlaub machen in Südamerika?

Ja. Als ich aber die Reise plante, fielen mir diese ganzen Orte auf, die mir immer auf twitter und facebook begegneten, weil meine Fans mich immer baten, dorthin zu kommen. Es wäre also total schade, genau dorthin zu reisen und dann keine Songs zu spielen. Ich wollte dann ein paar Konzerte organisieren, aber das war ziemlich schwierig.

Also hast Du alle Lucy Rose Fans um Hilfe gebeten?

Richtig. Das führte wiederum dazu, dass mir Leute schrieben, die zu weit weg lebten von den Orten, wo ich auftreten wollte, aber die unbedingt auf ein Konzert von mir wollten. Und ich dachte: Ich sollte die alle besuchen.

Habt ihr alle besucht, die euch eingeladen haben?

Ich glaube, ja.

Wie viele waren das?

35 oder 40.

Das sind ja wirklich viele!

Ja. Es gab auch ein paar, die mich baten, bei ihnen vorbei zu kommen, die sich aber nicht mehr gemeldet hatten, wenn ich geantwortet hatte. Aber es gab einige, denen es wirklich wichtig war und die dafür auch ihre Komfortzone verlassen haben.

Inwiefern?

Die Menschen, die meine Musik hören, sind vielleicht eher sensible und introvertierte Menschen, die üblicher Weise nicht in Bars gehen und Konzerte buchen. Ein Mädchen meinte: all die Bars gehören den coolen, vielleicht auch reichen Kids und ich bin nur ein Loser. Sie hat eine Woche gebraucht, um den Mut aufzubringen um in die Bar zu gehen und zu sagen: „I’m booking Lucy Rose“. Am Ende hat es geklappt. Wir wurden sogar Freunde und als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hatte sie eine ganz andere Vorstellung davon, wer sie ist und was sie alles erreichen kann.

Das ist großartig!

Ja, darüber hab ich so noch gar nicht in Interviews gesprochen. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist das wirklich das Schönste. Nicht nur haben diese Menschen erfahren, dass sie wichtig sind
und ihre Lieblingssängerin sie besucht. Sie hatten dann auch eine tolle Zeit und haben sich selbst bewiesen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie jemals gedacht hätten.

Wie hat diese Erfahrung Dich und Dein Songwriting beeinflusst?

Ich habe realisiert, dass ich auf etwas stolz sein kann. Zum ersten Mal konnte ich wirklich sagen: Ich fühle mich gut damit, wer ich bin und was ich musikalisch mache. Weil die Erfahrung nicht nur einseitig war. Auch meine Fans haben mir gezeigt, dass ich wichtig bin und dass es wichtig ist, dass ich weiter Musik mache. Das vereinfacht das Musik machen und das Alben veröffentlichen. Weil ich es für diese Menschen machen. Oder auch wenn ich es nur für einen einzigen Menschen mache, für den es aber sehr wichtig ist.

Sind einige Songs des neuen Albums sind für die Menschen, die Du getroffen hast, geschrieben?

Ja, I Can’t Change It All, auf jeden Fall. Und Find Myself ist eigentlich über all diese Menschen. Es geht darum, sich selbst zu finden während man umgeben ist von Fremden. Und das war wirklich verrückt. Ich habe diese völlig Unbekannten getroffen und dabei so viel über mich gelernt, obwohl wir voneinander so wenig wussten.

Wirst Du wieder so ein Projekt machen?

Ich könnte die Reise nicht noch einmal genauso machen. Aber ich versuche einen ähnlichen Weg weiter zu gehen. So eine Art von Tour ist finanziell nicht möglich. Wir versuchen aber auch in Zukunft nicht nur Europa zu betouren, sondern auch andere Länder, auch wenn es dort weniger Geld gibt. Das versuchen wir auch in den Ticketpreisen umzusetzen. Als ich kostenlose Konzerte gespielt habe, ist mir aufgefallen, wie viele Leute zu meinen Konzerten kommen würden, wenn sie einfach erschwinglicher wären.

Es ist aber auch die Art, wie ich Songs schreiben möchte. Nicht die Lieder, die im Radio gespielt werden und sich gut verkaufen lassen, haben meine Fans am meisten berührt. Sondern es sind die tiefgründigeren, emotionalen Lieder. Auch wenn sie schwieriger zu schreiben sind und es etwas peinlich ist, sein Herz auszuschütten.

Hast Du eine Grenze, welche Themen zu persönlich sind, um sie in Liedern zu verarbeiten?

Genau diese Frage habe ich Feist mal gestellt in einem Live Stream. Ihre Antwort war: sie lässt das Wer, Was, Wo und die ganzen Details weg. Und ich denke, sie hat recht. Diese ganzen Details braucht man nicht, und man kann trotzdem Geschichten erzählen, mit denen sich Leute identifizieren können und die sie berühren.

Aber auch ohne konkrete Details finde ich Deine Songs, wie zum Beispiel Second Chance sehr persönlich. Ich denke, deswegen können sich auch sehr viele Menschen damit identifizieren. Aber es erscheint mir schon wie ein tiefer Blick in Deine Seele.

Ich glaube, je mehr Menschen ich treffe, umso weniger fühle ich mich allein mit solchen Gedanken. Deswegen trau ich mich vermutlich mehr darüber zu reden. Nach meinen Konzerten bleib ich meistens, um mit den Leuten zu reden und ich sie erzählen mir sehr persönliche Sachen. Und sie alle fühlen sich damit allein und komisch. Ich habe diese Unterhaltungen schon auf der ganzen Welt geführt.

Auf Deinem Album kommt vor dem Song Second Chance Floral Dresses. Die beiden Lieder scheinen für mich im Zusammenhang zu stehen.

Ja, sie sagen etwas ähnliches aus.

Aber irgendwie auf entgegengesetzte Weise? In Floral Dresses sagst Du, Du willst den ganzen Mädchenkram nicht und in Second Chance singst Du…

Dass ich mich selbst lieben möchte. Floral Dresses sagt, was ich nicht sein möchte. Ich passe da nicht rein, und ich benenne sehr klar, was ich nicht sein möchte. Und Second Chance sagt, dass ich mich für die lieben möchte, die ich bin.

Deine Musik ist leicht zu hören und hat schöne Melodien. Aber Deine Texte sind manchmal traurig oder zumindest berührend. Ist das ein Widerspruch, den Du wolltest?

Ich freu mich, dass Du überhaupt etwas empfindest, wenn Du meine Musik hörst. Ich denke, es ist wichtig Licht und Schatten zu haben. Ich finde, meine Texte sind nicht traurig, sondern regen eher zum Nachdenken an. Vielleicht nehme ich Menschen mit zu ihren eigenen Momenten im Leben, in denen sie traurig waren. Aber vor allem wollte ich ein tröstendes Album machen. Auch wenn es beim Hören traurig macht. Ich wollte mit dem Album sagen: Es ist ok, all diese Gefühle zu fühlen.
Außerdem müssen es Lieder sein, die wenigstens mich berühren, sonst wäre es sehr langweilig, sie jeden Abend auf Tour zu spielen.

Du hast erst Klavier gelernt, aber spielst mittlerweile häufiger Gitarre. Gibt es dafür einen Grund?

Ich hatte Klavierunterricht, was mir ein Grundverständnis vom Instrument und Notenlehre gegeben hat. Dieses Grundverständnis hat mich aber auch eingeschränkt. Ich hab immer Tonleitern gespielt und irgendwann keine Lust mehr gehabt. Gitarre spielen habe ich mir selbst beigebracht. Ich war sehr lange sehr schlecht. Aber für mich gibt es kein richtig und falsch, ich kenne die ganzen Regeln nicht, ich kann keine Tonleitern spielen. Aber ich kann spielen und es klingt ok. Und das kann mir keiner nehmen.

Ist Gitarre spielen intuitiver, weil Du ohne theoretischen Hintergrund freier Melodien entwickeln kannst?

Ich glaube, es gibt einfach mehr Möglichkeiten mit der Gitarre. Aber ich glaube auch, dass ich meinen eigenen Stil habe, weil ich nicht wusste, was ich eigentlich mache. Ich bin auch stolzer, weil ich es mir selbst beigebracht habe. Aber ich liebe Gitarre und Klavier gleichermaßen.

Ok, ich glaube, wir sind am Ende unserer Zeit.

Noch eine Frage! Das muss jetzt eine massive Frage sein!

Ist Lucy Rose eine gute Fee?

Hm. Ich hab defintiv Angst, dass ich die Leute damit nerve, so verdammt heilig zu tun.

Nein, das ist doch toll!

Ja, aber ich will nicht, dass Menschen denken, ich würde prädigen wollen. So wie Bono und Annie Lennox, die die ganze Zeit gute Dinge tun und alle nur denken: Hört auf so zu nerven und uns zu sagen, wir sollen alle so gute Menschen sein! Aber so bin ich nicht. Ich will natürlich gute Dinge tun, aber ich fluche auch und kann ein Arsch sein. Als ich letztens Second Chance spielte, in dem es darum geht, sich selbst anzunehmen, dachte ich: Das klingt wirklich cheesy – bin ich kitschig? Also, ich weiß es nicht, aber ich könnte verdammt kitschig sein.

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Die Doku von Lucy Rose zur Südamerika-Tour. Taschentücher bereit halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf MUSIKMUSSMIT.

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