HALEY: „Eigentlich wollte ich Schlagzeug spielen“

HALEY: „Eigentlich wollte ich Schlagzeug spielen“

Die Musikerin HALEY fka Haley Bonar kehrt dem Singer-Songwriter Dasein den Rücken zu und nimmt uns auf die Reise mit. Im Interview verrät sie, wie sie zur Musik kam.

Haley Bonar ist eine Musikerin, deren Arbeit ich seit ein paar Jahren verfolge. Sie erweckte meine Aufmerksamkeit durch das Lied „Eat For Free“, mit dem sie – lediglich begleitet von ihrer Gitarre und ein paar Backgroundsängerinnen – dank ihrer Samtstimme zu Tränen rührt. Kurz nach dieser Entdeckung kam ihr Album Impossible Dream raus und ich hatte die Gelegenheit die Sängerin und Songwriterin vor einem Konzert in Berlin zu interviewen.

Überraschender Weise fand ich in diesem Interview heraus, dass ihre ersten musikalischen Schritte durch die Punkszene in ihrer Heimatstadt ermöglicht wurden, dass ihre Mutter ihr verbat Schlagzeug oder Saxophon zu lernen und dass Haley erst seit ein paar Jahren auch E-Gitarre spielt (aber damit schon extrem lässig umgeht!). All diese Erfahrungen führten schließlich zu dem Album Impossible Dream, auf dem Haley – rockiger als auf ihren Vorgängeralben – über Heimat und Identität spricht.

Ich wollte von ihr wissen, wie diese Heimat eigentlich ist, von der sie singt und wie sie sich als Solosängerin durch die Rockszene schlägt.

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Bist Du immer noch nervös vor einer Show?

Haley: Ja, wenn ich die Zeit dafür habe schon.

Was macht Dich nervös?

Haley: Gestern Abend zum Beispiel war meine Gitarre nicht richtig angeschlossen, als ich auf die Bühne ging. Ich hab also die Gitarre angeschlagen und es kam einfach kein Ton und ich stand da wie eine Idiotin. Es sind nicht unbedingt diese klassischen Angstträume, in denen man nackt auf der Bühne steht, aber eben technische Probleme.

Ist Deine Nervosität abhängig von dem Ort, wo Du spielst? Bist Du aufgeregter an Orten, wo Du niemanden kennst?

Haley: Ehrlich gesagt, ist es irgendwie einfacher hier und in Großbritannien zu spielen, als in den Staaten. In manchen Städten dort sind die Orte so voll mit Musik und die Leute sehen so viele Konzerte, dass sie mit so einer Einstellung: „Na, dann zeig mal, was Du so drauf hast“ dastehen und sich nicht richtig gehen lassen. Das reflektiert nicht unbedingt, wie sie sich fühlen, aber es ist natürlich schwierig für mich, wenn ich mit viel Energie auf der Bühne stehe und das Publikum gibt diese Energie nicht richtig zurück.

Als ich mir Deine Texte angeschaut habe, war ich erstaunt, dass sie tatsächlich viel von Heimat handeln, weil ich mich schon gefragt hatte, ob Du glaubst, davon beeinflusst zu sein, dass Du gebürtige Kanadierin bist.

Haley: Meine Familie ist aus Kanada und ich wurde dort geboren, aber wir sind in die USA gezogen als ich zwei Jahre alt war. Also glaube ich nicht, dass Kanada mich zwangsläufig musikalisch beeinflusst hat.

Wo genau bist Du dann aufgewachsen?

Haley: Meine Heimatstadt liegt im mittleren Westen, in Minnesota. Es ist sehr flach dort und führt zu den Badlands, die wiederum zu den Black Hills führen und dahinter liegen die Rocky Mountains. Es ist also ein sehr geheimnisvoller und schöner Ort und geographisch wahnsinnig spannend. Geologen flippen total aus, wegen all der Steine dort! Die Stadt in der ich aufwuchs ist sehr klein. Ich mochte, dass ich fünf Minuten raus fahren kann und schon mitten in der Natur war.

War es ein konservativer Ort?

Haley: Leider ja.

In Deinem Lied Hometown singst Du „Hometown goes wherever you go“ und ich hab mich gefragt, was das für ein Ort ist, der immer mit Dir mitgeht.

Haley: Ich glaube, es hat weniger mit dem politischen Klima zu tun, als einfach mit der Tatsache, dass Du aufwächst irgendwo. Und dieser Ort wird immer ein Teil von Dir sein und dieser Teil wird auch immer gleich bleiben.

Haley Bonar Interview

Haben im Laufe Deiner Karriere eigentlich viele Leute versucht, Dir zu sagen, Du müsstest die Dinge anders angehen?

Haley: Nein, eigentlich nicht viele. Ich hätte vermutlich schon früher auf andere Leute hören sollen.

Ach, tatsächlich?

Haley: Ja, vielleicht ein bisschen. Ich war schon immer ein bisschen stur. Ich hab natürlich auch auf eine Menge Leute gehört und ich habe viele großartige Ratschläge von den richtigen Menschen bekommen. Trotzdem kommt immer mal wieder jemand an und sagt: „Hör mal, ich bring Dich richtig groß raus! Wenn Du so klingst, wie in diesem Lied, dann wirst Du richtig, richtig groß“. Aber ich will das nicht und es würde auch nicht funktionieren. Von daher bin ich sehr froh, dass die Menschen, die Einfluss auf mich hatten, selbst schon ihren eigenen Weg gegangen sind und die mich darin bestärkt haben auch meinen eigenen Weg zu gehen.

Glaubst Du, dass manche Menschen einen Widerspruch sehen zwischen Deiner Musik und der Art wie Du selbst auftrittst? In meinen Augen machst Du klassische Rockmusik, aber bist nicht unbedingt das, was das Klischee einer Rocksängerin ist.

Haley: Das ist mir egal. Und es kann mir nur egal sein. Ich kann nicht etwas machen, was andere von mir erwarten, ich hab dafür gar keine Kapazitäten. Aber ja, Menschen packen Dinge gerne in Schubladen und ich glaube, das ist meiner Musik im Gesamten schwierig und das ist für manche Menschen vermutlich etwas unpraktisch.

Du hast auch diese andere Band Gramma’s Boyfriend, die Du nutzt um andere Rollen zu spielen.

Haley: Diese Gruppe verwirrt die Leute wirklich am allermeisten. So viele fragen mich, ob das meine andere Persönlichkeit ist und ich kann nur sagen: Nein, das ist nicht meine „andere“ Persönlichkeit, das IST meine Persönlichkeit und das ist einfach eine andere Art von Musik, die ich auch gerne spiele. Das sind meine Songs und meine Texte. Die schreibe ich zwar sehr eng zusammen mit der Band, aber wir sind sehr organisch.

Inwiefern bereichert Deiner Meinung nach die Musik, die Du zu Deinen Texten komponierst, Deine Lieder? Deine Texte und Deine Stimme sind allein schon sehr intensiv und ich hab mich gefragt, was Deine Motivation ist, diese sehr berührenden Texte mit noch mehr Instrumenten zu versehen.

Haley: Das aktuelle Album habe ich mit einem guten Freund komponiert, Jacob (Hanson). Ich habe schon viele Jahre mit ihm zusammen gearbeitet, aber war immer die hauptsächliche Produzentin. Jetzt wollte ich mit jemanden zusammen arbeiten, der eine lange, stabile Beziehung zu meiner Musik und mir hat und der versteht, in welche Richtung ich will. Wir haben ein Jahr bevor wir das Album aufgenommen haben, mit der Prepoduction angefangen. Ich kam mit Songs, hab sie auf Gitarre gespielt und wir haben uns überlegt, welche Stimmung wir erzeugen wollen und welche Art von Musik die Texte unterstreichen würde.

Denn im Vordergrund stehen immer die Texte und die Geschichte, die ich erzählen möchte. Ich will keine Lieder schreiben, die nichts sagen. Es muss nichts Politisches sein, aber ich möchte stolz sein auf das, was ich schreibe. Denn das ist es was ich bin vor allem anderen: A writer.

Das Musik schreiben und machen ist Dir demnach der wichtigste Part? Oder ist das Spielen und Auftreten gleichermaßen wichtig für Deine Musik?

Haley: Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. 
Ich liebe es zu schreiben und die Arbeit im Studio. Spielen und auf Tour gehen und all das, ist was ich machen muss und ich lehne es nicht ab. Aber es ist definitiv nicht das, wofür ich es mache.

Haley Bonar Interview

Kannst Du Dich noch an Deine ersten musikalischen Einflüsse und prägenden Erlebnisse erinnern?

Haley: An ein konkretes Erlebnis kann ich mich nicht erinnern. Aber ich hatte das Glück dort aufzuwachsen, wo ich aufgewachsen bin. Nicht nur, weil ich die Natur dort so schön finde. Die Stadt liegt genau zwischen zwei sehr weit entfernten großen Städten, in denen immer super viele Metal und Punk Bands gespielt haben. Und auf ihren Touren sind sie eben immer durch unsere kleine Stadt gekommen. Sie haben immer gerne bei uns gespielt, weil sie wussten, es wird ne tolle Show, weil einfach jeder kommen wird.

Meine Eltern ließen mich mit 14 auf so ein Konzert und ich weiß noch, wie ich danach nach Hause gekommen bin und total aufgedreht war und zu meiner Mutter meinte, mit Tränen in den Augen: „Das war das Beste, was ich je in meinem Leben erlebt habe!“.

Ich weiß gar nicht mehr, was das für eine Band war, aber ich hab mich so zu Hause gefühlt und inspiriert. Es gab nicht viel andere Musik bei uns. Und auch wenn ich gar nicht angefangen habe Punkrock zu spielen, waren alle in der Szene so willkommen heißend. Alle waren Feministen und super nett zu mir. Sie haben mir geholfen, erste Songs aufzunehmen und ließen mich als Vorband für Bands spielen. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich das erfahren konnte.

Bist Du in einer musikalischen Familie aufgewachsen?

Haley: Nein.

Nicht im Geringsten?

Haley: Nein. Meine Eltern spielen…. nichts.

Als Du 14 warst, dachtest Du Dir einfach: Ich will jetzt Musik machen und hast angefangen Gitarre zu spielen?

Haley: Ja. Eigentlich wollte ich Schlagzeug spielen…

Noch besser!

Haley: … aber meine Mutter ließ mich nicht.

Oh nein!

Haley: Ja, doch! Dann wollte ich Saxophon spielen, meine Mutter ließ mich aber nur Akustikgitarre spielen. Ich hab mir eine von einer Freundin geborgt, weil wir kein Geld hatten, eine zu kaufen. Und E-Gitarre hab ich nie gespielt, bis vor ein paar Jahren erst.

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Fotos: Anneli von Klitzing

Dieser Artikel erschien zuerst auf MUSIKMUSSMIT.

Noch ein Interview mit einer Gitarre-spielenden Sängerin? Hier geht’s zum Interview mit Lucy Rose.

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