Nichts als grandios: Angel Olsen im Columbiatheater

Nichts als grandios: Angel Olsen im Columbiatheater

Ohne eine große Show zu machen hat Angel Olsen die beste Show des Jahres geliefert.

Lakonisch und ziemlich lässig hat sich Angel Olsen durch ihr Konzert am 25. Oktober 2016 im Columbiatheater Berlin gesungen. Außer einem gelegentlichen verschmitzten Lächeln hielt sich ihr Kontakt mit dem Publikum in Grenzen. Sie erzählte keine kurzweiligen Anekdoten aus dem Tourleben, sie forderte niemanden zum Mitklatschen auf, sie stand quasi den ganzen Abend auf der selben Stelle – und riss trotzdem alle mit.

Ihr stoisches Auftreten und ihre melancholische Musik haben ihr am Anfang ihrer Karriere den Ruf als „einsames Mädchen in einem dunklen Brunnen“ eingebracht, wie sie in einigen Interviews leidvoll berichtete. Lieder wie „Unfucktheworld“, das lediglich mit Gitarre und Olsens lethargischer Stimme überzeugend vom Ende einer Beziehung (und gefühlt dem Rest der Welt) erzählt, haben sie bei Folk-Liebhabern bekannt gemacht. Der traurigen Einsamkeit setzte Olsen aber spätestens mit dem 2016 erschienen Album „My Woman“ eine Portion Abgebrühtheit und Rock’n’Roll entgegen, das sie im Oktober betourte.

Dass die Songs zwar aus ihrer Feder stammen, aber erst im Zusammenspiel mit ihrer Band endgültige Form annahmen, wurde beim Konzert unmittelbar deutlich. Gitarrensoli ihrer Gitarristen Seth Kauffmann und Stewart Bronaugh bestimmten ebenso den Vibe des Konzertes wie Olsens markante Stimme. Diese überschreitete von Zeit zu Zeit die Grenze von ungewöhnlich zu ungemütlich, aber zog das gesamte Publikum in den Bann. Das Columbiatheater war ausverkauft und randvoll mit Angel Olsen Fans. Niemand wagte die hypnotische Performance durch belangloses Labern oder unfähigem Mitsingen zu stören.

My Woman, My Voice

Gespielt wurden neben Liedern des Vorgängeralbums „Burn Your Fire For No Witness“ natürlich die Hits des neuen Albums. „Shut Up, Kiss Me“ und „Sister“ machten dabei besonders viel Spaß. Nicht nur dem Publikum. Auch die Band zeigte sich sichtlich stolz, wenn die Chemie während der Songs besonders wirkungsvoll stimmte. Genug Grund, sich richtig gut zu fühlen, hatten sie eh: In taubenblauen Anzügen und Cowboykrawatten punktete die Band auch in der Kategorie Style.

Angel Olsen indes säufzte und hauchte erhaben im Glitzeroutfit. Da sie in den vergangenen Jahren ihre Stimme häufig für andere Projekte lieh, kramte sie für „My Woman“ in ihrer Klangkiste, um ihre eigene Stimme wieder zu finden. Dabei probierte sie auch Töne aus, die irritieren und gleichzeitig faszinieren. Ganz bei sich und in ihren Songs, aber irgendwie doch in einer anderen Welt wechselte sie vom Flüstern in’s Schreien und zurück.

Highlight des Abends war, ganz so wie es sein sollte, die Zugabe. Zuerst reflektierte Olsen im mit Mellotron und Synthesizer begleitete „Intern“ ihre Erfahrungen mit Musikmedien. Wie zäher Honig
flossen Synthies und Olsens sphärische Stimme dahin und mündeten im siebenminütigen finalen Song „Woman“, wo die sämigen Melodien immer dichter und massiger wurden. Ein Lied, das all die Zeit wert ist, die es sich nimmt. Und am Ende wie Honig kleben bleibt.

Foto: Maria Preuß

Dieser Artikel erschien zuerst auf MUSIKMUSSMIT.

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