Aldous Harding beschwört Geister

Aldous Harding beschwört Geister

Die Neuseeländerin macht außergewöhnlichen Indie Folk und stellt gängige Singer/Songwriterinnen Klischees auf den Kopf.

In meinem Alltag läuft ständig Musik, vor allem weil ich kontinuerlich auf der Suche nach neuen Musikerinnen bin. Oft läuft bei mir auf einem Streamingdienst eine Playlist mit Neuerscheinungen. Nicht immer kümmert mich das wirklich. Doch als ich die erste Note von Aldous Hardings Gesang vernahm, musste ich alles stehen und liegen lassen. Beim ersten Hinhören handelt es sich bei Hardings Musik ganz profan um Folk. Doch Hardings Stimme eröffnet tiefere Abgründe. In „Imaging My Man“ ist anfangs nicht ganz klar, ob es sich nicht doch um eine Männerstimme handelt: tief und ruhig, aber auch irgendwie bedrohlich, mit unterdrückter Aggression. Und dann plötzlich werden einzelne Zeilen krähenhaft gekrächzt. Am Ende des Songs ist klar: Irgendwas dramatisches ist passiert.

So geheimnisvoll und ambivalent wie ihre Musik, scheint die Künstlerin auch als Person zu sein. Alle Videos in denen sie auftaucht habe ich sofort gebinget. In ihren Live Performances singt Harding als würde sie mit Geistern sprechen. Sie starrt in’s Nichts, sie verdreht die Augen und verharrt in angespannten Posen. In Interviews verunsichert sie alle Anwesenden. Vielleicht weil sie schön und talentiert ist, vielleicht weil sie sich sehr viel Zeit für Antworten nimmt, aber vielleicht auch weil sie eiskalte Blicke verteilt.

Horizonterweiterung

Besonders pointiert hat Harding diese verstörend-faszinierende Wirkung im Video zu „Horizon“ eingesetzt. Mit blasser Haut und fettigen Haaren tritt sie als vampirähnliche Gestalt auf, die verbissen und besessen in die Kamera stiert. Ihre Stimme übertritt von Zeit zu Zeit die Grenze von „interessant“ zu „anstrengend“, sie zieht Grimassen und posiert mit buckligem Rücken. Sie macht es niemanden leicht, sie attraktiv oder sympathisch zu finden. Die zweite Protagonistin im Video ist Hardings Mutter, die ganz in weiß Tai Chi Übungen durchführt. Wir haben also auf der einen Seite, eine gruselige Frau und auf der anderen, die „gute“ Frau, die aber ihres Alters wegen nicht den üblichen Vorstellungen von der reinen, ewig jungen Heiligen entspricht. Harding stellt uns also gleich zwei alternative Weiblichkeitsentwürfe vor.

Diese ästhetische Herausforderung bewundere ich. Vor diesem Mut zur Hässlichkeit und zur Anti-Weiblichkeit ziehe ich meinen Hut. Harding missachtet das ungeschriebene Gesetz, dass Singer/Songwriterin am besten natürlich und zart und weich sein müssen. Sie bricht damit Klischees und erweitert damit (Vorsicht, lahmer Wortwitz) unseren Horizont. Da Harding auch in ihren Interviews introvertiert, kühl und eigen auftritt, erschafft sie sich kein sympathisch-zugängliches Image. Im Gegenteil, ich möchte ihr eigentlich nicht gerne im Dunkeln begegnen. Doch normalerweise haben Frauen Angst und zwar vor Männern. Bei Aldous Harding ist es genau anders herum.

Dieser Artikel erschien zuerst auf MUSIKMUSSMIT.

nach oben